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Fokussiertes Gesicht in symmetrischem Doppelbild

"Es ist wahr, dass derjenige, der danach sucht, in jedem einfachen Fleck viele Erfindungen wie menschliche Gesichter, verschiedene Tiere, Schlachten, Felsen, Ozeane, Wolken oder Wälder entdecken wird."

Leonardo da Vinci

Pareidolie

Fast alle von uns kennen das Phänomen: In Alltagssituationen glaubt man manchmal Gesichter oder auch Gestalten dort zu erkennen, wo gar keine Gesichter oder Gestalten sind  (s. Bild a).

Am häufigsten erlebt man diese sog. Pareidolien bei genauerer Betrachtung von Wolken, Gesteinsformationen, Baumrinden, Erdanhäufungen usw.

Sind die betrachteten Objekte symmetrisch, so fällt es besonders leicht, Gesichter zu erkennen, denn oft ergeben sich durch Symmetrie/Spiegelung drei Bezugspunkte, welche unser Gehirn zu einer Kombination/Interpretation Auge-Auge-Mund oder Auge-Auge-Nase verbinden kann (s. Bild b).

Pareidoliebeispiel 1

Bild a

Pareidoliebeispiel 2

Bild b

Ein besonderes Bruchglasobjekt

Es scheint, dieses Bruchstück ist ein Glücksfall. Unter den vielen Scherben, die mir bekannt sind, ist es das einzige Bruchstück, was eine derartig gut erkennbare "Explosionsstruktur" zeigt. Auch dass diese Struktur nur auf der Oberfläche des Bruchstücke abgebildet ist, ist Glück, denn hintereinanderliegende Bruchspuren machen es extrem schwierig, sich auf Bildern zurechtzufinden. Die gegenüberliegende Seite des Glasbrockens ist ebenfalls ohne jede Störung transparent, was durchaus nicht selbstverständlich ist.

Es soll hier auf dieser Seite darum gehen, wie und dass auch insbesondere Bruchglasstrukturen den Eindruck erwecken können, es seien Gesichter, Wesen oder Dinge zu sehen.

Bruchstrukturen im Glas haben sich oft wellenförmig in alle Raumrichtungen ausgebreitet. Die Transparenz des Glases führt dazu, dass sie als geschichtet und schwebend wahrgenommen werden können. Dies führt anscheinend zu größerer Anzahl und Vielfalt der Pareidolien als in manch anderen, eher zweidimensional flachen Materialien bzw. Oberflächen.

Noch nie zuvor war bei einem meiner Bruchstücke das explosionsartige Bersten von Glas derart gut "eingefroren" zu sehen (Bilder c, d etc.). Mit einem 5 kg Hammer! habe ich kräftig zuschlagen müssen, um einen alten, ca. 3 cm dicken Kristallglasaschenbecher zu zerschlagen. Er ist mit lautem Knall geborsten.

Das Zentrum der "Explosion" ist nicht etwa dreidimensional im Inneren des Glases zu finden, sondern wie ein teiltransparentes Relief (max. 0,5 mm tief) auf der abgesplitterten, halbrund gebliebenen Oberfläche des Glasbrockens.

 

Größe einer Glasscherbe

 Bild c 

Die Bruchfläche von der Seite betrachtet

Tiefenstruktur einer Glasscherbe

 Bild d 

Die reliefartige Bruchstelle mehr von vorne gesehen mit erstaunlicher Tiefenwirkung

Im Zentrum, dem Ausgangspunkt des Bruchs (s. Bild d) ist eine kleine, glatte Fläche zu sehen, unter der weitere Schichten und Bruchlinien strahlenförmig hervorschauen. Die kleine, glatte Fläche lässt sich beim Fotografieren und beim Betrachten entfernen, indem man durch einen anderen Betrachtungswinkel dafür sorgt, dass sie kein Licht reflektiert. So kann man oft erkennen, was sich in den Schichten darunter befindet (s. Galerien unten). Dabei hat jede Änderung des Blickwinkels und der Beleuchtung starke Auswirkungen auf ein Foto.

Leider ist das Zentrum der "Explosion" nur zur Hälfte abgebildet entstanden. Um den Eindruck einer vollkommeneren "Explosion" zu erhalten, habe ich Fotos so wie das hier unten (Bild e) gespiegelt. (Ein Klick ins Bild vergrößert den umgebenden Bereich.)

Es ergeben sich dabei oft unmittelbar Eindrücke/Pareidolien wie hier der eines kleinen, sehr schmalen, maskenartigen Gesichts mit weit aufgerissenem Mund. Es ist auf der senkrechten Symmetrieachse in der unteren Hälfte des Bildes mit einem weißen Punkt auf der hohen Stirn zu sehen. Diese Stirn kann wiederum selbst als schlichte Gesichtsdarstellung mit weißer Nase betrachtet werden.

Vergrößerung von symmetrischem Doppelbild

 Bild e 

Beim Schneiden und neu Zusammensetzen habe ich das Bild nicht immer an der exakt gleichen Stelle gespiegelt. Ein Bild mit einer leicht verschobenen, senkrechten Symmetrieachse (Bild f) ist hier unten zu sehen. Die Gesichtsstruktur im Zentrum des Bruchs fällt stark auf. Beim Bild e oben ist sie noch in zwei Hälften mit einigem Abstand voneinander geteilt.

Doppelbild

 Bild f 

Symmetrisches Doppelbild mit Hervorhebung 1

 Bild g 

Das im Bild hervorgehobene Scheinwesen nenne ich für spätere Zwecke mal "Grimmy", weil es nicht gerade fröhlich ausschaut.

Aber es gibt noch mehr zu entdecken:

Symmetrisches Doppelbild mit Hervorhebung 2

 Bild h

Ein zweites Wesen, "Nofri" (wg. dem Nofretetenhut), wirkt schon etwas fröhlicher als Grimmy.

Symmetrisches Doppelbild mit Hervorhebung 3

 Bild i

Mit viel Phantasie könnte man einen Mönch wahrnehmen, der gerade betend die Hände vor der Brust zusammenlegt. 

Scannen

Es ist also wichtig für die Wahrnehmung von Gesichtern oder Wesen in gespiegelten Bildern, an welcher Stelle sich die senkrechte Symmetrieachse im Bild befindet.

Daher scanne ich das  Foto, d.h. ich verschiebe die Achse durch das ganze Bild, um möglichst viele Pareidolien zu finden. Praktisch wird das dadurch erreicht, dass jeweils einzelne senkrechte Pixelreihen in der Mitte des Fotos gelöscht werden und dann die entstandenen beiden Bildteile wieder zusammengefügt. Die vielen entstandenen Einzelbilder lassen sich zu einem Video zusammensetzen, bei dem das Ursprungsbild immer schmaler wird.

Ein Beispiel dazu mit Umkehr im Schnelldurchgang (Länge 29 Sek):  

Man merkt natürlich sofort, dass unserem Gehirn nur bei langsamerer Veränderung ausreichend Zeit bleibt, Strukturen zu "sinnvollen!" Gebilden zu kombinieren.

Ein Beispiel für angemessenere Geschwindigkeit (Länge 19 Sek.):

Der Scan muss also recht moderat ablaufen, damit Zeit bleibt, die einzelnen entstehenden Gesichter ausreichend wahrzunehmen und überhaupt als solche zu erkennen. Das freundliche Wesen, was sich hier beim Scannen findet, habe ich mal "Simba" genannt (wegen gewisser Ähnlichkeiten zu dem kleinen Simba im König der Löwen).

Grimmys Gesichtsstruktur ist übrigens im Original nicht größer als etwa 1,5 x 1,5 Millimeter. Die eher schlichte Fotokamera mit ihrem Fokus-Stacking kommt an ihre Grenzen bei ca. 1 - 2 cm Abstand vom Objekt.

Galerie B

In dieser Galerie sind hauptsächlich Bilder zu finden, welche das oben gezeigte und beschriebene Glasobjekt bei unterschiedlicher Beleuchtung, geringfügig verändeter Perspektive bzw. Symmetrieachse zeigen. Es dürfte deutlich werden, dass die Ergebnisse schon bei minimalen Veränderungen krass voneinander abweichen.

Den Abschluss der Galerie bilden einige Beispiele für Gesichtsfunde.

 

Je nach Hersteller und Gerätetyp (Handy, Notebook, PC usw.) und Haltung (sekrecht/quer) kann es zu unvorhergesehenen Darstellungsweisen kommen, die sich aber meist korrigieren lassen, da sie oft durch individuelle Geräteeinstellungen bedingt sind.

Bei kleinen Handybildschirmen haben die Bilder und Videos leider nur begrenzt Aussagekraft.  

Scanvideos

Es gehört zu Pareidolien, dass wir nicht immer alle die gleichen Dinge oder Gesichter sehen. Oft ahnen, vermuten oder erwarten wir auch hier bei den Scans nur etwas, was dann doch nicht zustande kommt. Oft sind Fundstellen, die sehr überzeugend erschienen, am nächsten Tag nicht mehr zu finden. Man kommt sich dann ziemlich lächerlich vor. Ich hoffe deshalb, dass dennoch viele Bilder bzw. Videos hier allgemeinen Konsens finden und nicht etwas stattfindet wie "Ich sehe was, was du nicht siehst".

Je kompletter, differenzierter oder höher aufgelöst Bilder sind, umso eher kann eine erwartete Gesamtsicht durch unpassende Kleinigkeiten gestört oder unmöglich gemacht werden. (Der italienische Maler Giuseppe Arcimboldo hat es wunderbar verstanden, durch Gemüse o.ä. Elemente menschliche Portraits eindeutig zu konfigurieren. Ich hoffe, dass zumindest teilweise nachvollziehbar ist, was hier an Hirngespinsten zu sehen ist, welche aber nicht durch Gemüse, sondern durch abstrakt wirkende Bruchglasstrukturen erzeugt werden.) Manchmal ist größerer Abstand zum Bild, manchmal haargenaues Hinschauen erforderlich. Hier, bei symmetriebasierter Pareidolie, sind natürlich die Umgebungen rund um die Spiegelachsen am Bruchzentrum am meisten zu beachten.

Leider ist die Auflösung der Dateien nicht sehr hoch und die per Script entstandenen Videos haben durch die Bildschirmverfilmung zusätzlich gelitten (rechts und links wurden in den gespiegelten Bildern jeweils immer nur 1000 senkrechte Pixelreihen gelöscht).

Ich selbst finde es zwar spannend wie einen Krimi zu sehen, was sich im Laufe der Zeit fast unmerklich in den Fotos bei dieser Art Anti-Morphing verändert und an Gesichtern entwickelt. Andere mögen das mega langweilig finden, aber das 29 Sekunden-Video oben zeigt, dass es nicht anders geht. Die Video-Versionen hier bilden einen Kompromiss und sind beschleunigt. Dennoch scheint es sich auf den ersten Blick oft um stillstehende Fotos zu handeln. Einige Videos sind (daher) mit Hintergrundmusik unterlegt (Grand_Project).

Zum Abschluss sind die beiden Trailer-Dateien für diese Webseite angehängt.

Erster Scan klein

Dauer 10:29 Min. (Sound Grand_Project)

Es wird zeitweise freundlich

Dauer 6:27 Min. (Sound Grand_Project)

Erster Scan groß

Dauer 4:14 Min. (Sound Grand_Project)

Das Objekt

Dauer 0:08 Min.

Sonnengesicht

Dauer 1:01 Min.

Drache (groß)

Dauer 3:34 Min.

Zweiter Scan groß

Dauer 1:24 Min.

Trailer "Ihrer Majestät"

Dauer 1:22 Min.

Feuergesichter

Dauer 3:38 Min.

3 x unscharf, aber markant

Dauer 0:24 Min.

Es wird zornig

Dauer 2:58 Min. (Sound Grand_Project)

Trailer "Hirngespinste...oder?"

Dauer 1:59 Min.

Schluss

Was hat das alles nun zu bedeuten?

Es wird wohl niemand - auch die härtesten Verschwörungstheoretiker nicht - der Meinung sein, dass wir es bei all dem hier auf dieser Seite mit dunklen oder übernatürlichen Kräften zu tun haben, die tief in Glas Bilder von halben Gesichtern verstecken.

Nein, die Bilder, die wir sehen, sind das Ergebnis unserer Wahrnehmungsprozesse. Daher suchen wissenschaftliche Theorien die Antworten vorwiegend in uns selbst, wenn es darum geht, was es denn mit dem Sehen von Gesichtern dort, wo gar keine sind, auf sich hat.

Endgültig weiß das wohl noch niemand so ganz und gar.

Hier die wichtigsten aktuellen Theorien, warum Pareidolie (Schwerpunkt Gesichter) entsteht: 1. Sensorische Mustererkennung: Das menschliche Gehirn ist stark auf Gesichts- und Gesichtsausdrücke-Detektion programmiert (Gesichtserkennungs-System). Selbst geringe Muster werden als Gesicht interpretiert. 2. Top-Down-Verarbeitung: Erwartung, Kontext und Vorwissen beeinflussen Wahrnehmung stark. Wenn etwas als „Gesicht“ sinnvoll erscheint, verstärken sich diese Interpretationen. 3. Prototypentheorie: Das Gehirn vergleicht Reize mit durchschnittlichen Gesichtsprototypen. Merkmale, die diesem Prototyp nahekommen, lösen Gesichtsinterpretationen aus. 4. Symmetrie und Gestaltgesetze: Symmetrische Muster und regelmäßige Strukturen erleichtern die Gesichtserkennung; das Gehirn neigt dazu, aus unvollständigen Informationen ein vollständiges Gesicht zu rekonstruieren. 5. Blick- und Augenwahrnehmung: Spezielle Neuronen- und Netzwerke (z. B. im Fusiformen Gesichtsareal) reagieren stark auf Augen- und Mundbereiche; damit werden vorhandene Muster schnell als Gesicht interpretiert. 6. Fehlattribution: Unbewusste Zuordnung von Bedeutung zu zufälligen Reizen durch kulturelle und individuelle Erfahrungen, Stimmung und Aufmerksamkeit. 7. Umwelt- und Kontextabhängigkeit: Natürliche Muster (Wolken, Baumrinde, Bruchstücke) erzeugen durch Kontextgespräche und Erwartungshaltungen Pareidolien. 8. Evolutionäre Blick-Orientierung: Schnelle Gesichtserkennung kann evolutionär vorteilhaft gewesen sein (Gefahren- und Sozialkontakte früh erkennen), wodurch das System besonders sensibel geworden ist. 9. Lernen und Erfahrung: Wiederholte Erfahrungen mit Gesichtern stärken das System und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, Muster als Gesichter zu interpretieren. 10. Multisensorische Integration: Visuelle Signale werden oft mit anderen Sinneseindrücken kombiniert; der integrierte Eindruck kann Gesichtskennzeichen auch aus abstrakten Mustern erzeugen.

 

Die Frage nach der materiellen und strukturellen Beschaffenheit dessen, was man sieht, wenn man Pareidolien erlebt, ist nicht sehr im Fokus. (Flecken, Wolken, Baumrinden, Bruchstücke, Gesteinsformationen, Gemüse werden zwar als begünstigend erwähnt, aber scheinbar nicht weiter in jeweiliger Struktur und Wirkung analysiert oder systematisiert).

Der hier verwendete gläserne Brocken kann aus seinem Bruchzentrum je nach Winkel und Farbe geradezu einen Stream von Pareidolien hervorbringen (s.o.). Offensichtlich wird das begünstigt durch seine Transparenz und konzentische sowie radiale Strukturen bzw. Kräfte beim Zerbrechen des Glases (s. Bild d). Vermutlich begünstigt diese Kombination an Kreuzungsstellen die Entstehung von Einzelpunkten, die wir brauchen, um etwas für Mund, Nase oder Auge halten zu können. 

Auch die Tatsache, dass die Anzahl wahrzunehmender Pareidolien ins Unermessliche steigt, wenn es um symmetrische Doppelbilder geht, wird meiner Meinung nach nicht genug gewürdigt. Die drei Beispiele (Pflanze, Baumrinde, Wasserwellen) in der Abbildung unten belegen hoffentlich ausreichend: Wir bewegen uns meistens durch die Natur ohne das Bewusstsein, dass wir von vielen, vielen halben "Gesichtern" bzw. potentiellen Varianten davon umgeben sind.

 

Garten,Borke,Wasser.jpg

Symmetriebasierte Pareidolien

Dann ergibt sich noch die Frage, was es denn mit Pareidolien auf sich hat, die ganz ohne Zutun der Phantasie, Erwartung o.ä. auskommen? Bilder bzw. Strukturen, die wirken, als seien sie soeben perfekt und überzeugend aus der nächstgelegenen Grafikagentur oder einem Fotolabor gekommen. Kann man dann überhaupt noch von Pareidolien sprechen?

Viele Pareidolien enthalten als Makropareidolien kleinere Unterpareidolien. An einigen Fotos hier auf den Seiten lässt sich dieses Phänomen mit bloßem Auge leicht erkennen. Aber auch wenn die schärfsten Bilder von Nofri oder Simba - sehr kleine Strukturen - aufgezogen werden, kann man diese noch winzigeren Pareidolien wahrnehmen. Die Antwort, die man dazu lesen kann, scheint mir nicht sehr zufriedenstellend. (Wenn man schon mal dabei ist, eine große Pareidolie zu sehen, liegt es angeblich nahe, kleinere Bereiche auch als solche anzusehen). Wie steht es dann überhaupt um Riesenpareidolien?

Leider fehlt mir gläsernes Vergleichsmaterial um allgemeinere Schlüsse ziehen zu können. Ich besitze kein ähnlich prächtiges, einzigartiges Bruchstück mit "Explosionsstruktur" auf gebogener Oberfläche (Das Scannen mit Ergebnissen nur vertikaler Richtung ist auch noch ein Problem für sich)...

...und ich werde nicht hingehen, in Second-Hand-Läden alle alten Kristallaschenbecher aufzukaufen, um sie zu zerschmettern. Obwohl, was das Rauchen angeht...ich kein Problem damit hätte ;)

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